Ruppiger 80er Digital-Charme

Ensoniq ESQ 1 (*1986)

Der ESQ 1 war der erste Synthesizer der in Pennsylvania ansässigen Firma Ensoniq, die in den Mittachtzigern mit dem Low-Cost-Sampler Mirage einen Volltreffer landete. Er gilt bei vielen Synth-Freaks wegen seiner guten Klangeigenschaften als Geheimtipp und kann mit etwas Glück günstig auf dem Gebrauchtmarkt erworben werden.

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1986, als der ESQ 1 erstmals angeboten wurde, musste man für den Synth stolze 3.300 Mark auf den Tisch des Musikhauses legen, was aber im Vergleich zu einem etwa 4.500 Mark teurem Yamaha DX7 noch relativ günstig war. Der ESQ 1 ist mit einer hybriden Klangerzeugung ausgestattet, welche die digitalen Oszillatoren mit der klassischen analogen subtraktiven Synthese kombiniert. Nicht alltäglich war damals (neben den Split- und Layerfähigkeiten) auch der integrierte 8-Spur-Sequenzer, der den ESQ 1 zu einem Workstation-Vorläufer macht. Zur echten Workstation-Reife fehlt dem achtfach multitimbralen Synth aber eine Effektsektion; dieses Manko ist mit Sicherheit auch ein Grund, weshalb er und sein Nachfolger, der SQ 80, gegen effektbewehrte Fernost-Synths wie Rolands D-50 oder Korg M1 trotz beachtlicher Verkaufszahlen nicht wirklich konkurrieren konnte. Im Rückblick ist der ESQ 1 den Mitbewerbern in vieler Hinsicht, wie etwa dem Analogfilter oder den vielfältigen Synthese-Möglichkeiten, überlegen.

User
Der ESQ 1 war in den 80er-Jahren bei Industrial-Bands angesagt, da man mit ihm problemlos auch ruppige Sounds generieren konnte, zum Userkreis gehörten u. a. Skinny Puppy und Front Line Assembly. Eingesetzt wurde er u. a. auch von Jean Michel Jarre, Koto, Ceephax Acid Crew (Squarepushers Bruder, der u. a. auf Rephlex veröffentlicht) und Adamski.

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Metall oder Plastik
Die erste Version des ESQ 1 ist in einem Metallgehäuse beheimatet, das an den 1985 vorgestellten Mirage erinnert. Eine spätere, etwas leichtere Variante ist mit einem Gehäuse aus stabilem Plastik ausgestattet. Der ESQ gehört zu den bedienungsfreundlichsten Synthesizern mit digitaler Oberfläche überhaupt. Das liegt u. a. auch am wunderbaren, mit acht Soft-Buttons ausgestatteten Display, das mit freundlich leuchtenden und aus jedem Winkel gut lesbaren LEDs kommuniziert. Jeder Programmier-Sektion wurden eigene Taster spendiert, sodass man ohne umständliches Abtauchen in Menüs sofort am Ziel ist und acht Parameter gleichzeitig im Blick hat. So macht das Sound-Editieren auch ohne viele Regler Spaß. Die anschlagdynamische und halbgewichtete Tastatur verfügt zwar nicht über Aftertouch, ist aber relativ leichtgängig und vermittelt ein angenehmes Spielgefühl. Als Spielhilfen kommen die klassischen Pitch- und Modulationsräder zum Einsatz.

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Klangerzeugung
Die subtraktive Klangarchitektur des Hybrid-Synths bietet vielfältige Möglichkeiten und einige nicht alltägliche Features. Es gibt drei digitale Oszillatoren, die aus einem 256 kB großen Wellenform-ROM von 32 8-Bit-Samples gespeist werden. DCO 1 und 2 lassen sich synchronisieren oder alternativ Amplituden-modulieren. Eine Pulsweiten-Modulation wird nicht geboten, kann aber mit einem Trick (Synchronisation aktivieren, DCO 1 = SAW, DCO 2 = SQUARE, Tonhöhe von DCO 2 durch LFO modulieren) simuliert werden.

Die Klangformung erfolgt u. a. durch ein analoges 4-Pol-Lowpassfilter, das auf dem CEM 3376 basiert, der übrigens auch im SCI Prophet-VS verbaut wurde. Um das Fehlen einer FX-Sektion auszugleichen, hat man den vier (!) Hüllkurven einen „Second Release“-Parameter spendiert, mit dem ein Reverb simuliert werden kann, was bei manchen Sounds übrigens gut funktioniert. Auch die Modulationsmöglichkeiten durch die drei LFOs sind z. T. nicht alltäglich: Neben Pitch und Filtereckfrequenz stehen auch Modulationsziele wie die Attack-Phase der Hüllkurve zur Verfügung.

Die geheime ESQ-Welt
Der Synthspezialist und Informatiker Rainer Buchty (er forscht an der Uni Karlsruhe) hackte das Betriebssystem von ESQ 1 und SQ 80 und stellte fest, dass die Geräte in der Lage sind, eine viel größere Zahl von Wellenformen zu verwalten als ursprünglich vorgesehen. Sein neues Betriebssystem 3.5, das er auf seiner mit vielen Tipps versehenen Seite www.buchty.net/ensoniq als Image-File zum EPROM-Brennen (27C256) kostenfrei zur Verfügung stellt, ist neben vielen anderen Features in der Lage, statt nur 32 (ESQ 1) bzw.75 (SQ 80) 256 Wellenformen aufzurufen. Die „Hidden Waveforms“ entstehen allerdings dadurch, dass das vorhandene Material anders (etwa mit alternativen Startpunkten oder einer anderen Tonhöhe) ausgelesen wird.

Der Sound
Der ESQ 1 besitzt einen ganz eigenen, warmen und von vielen Leuten als „amerikanisch“ bezeichneten Klang. Die harschen 8-Bit Samples werden durch das Curtis-Filter angenehm abgerundet. Dank der Amplituden-Modulation sind insbesondere mit geräuschhaften Samples auch experimentelle, ringmodulationsartige Sounds möglich.

Die Wellenformen (einige wurden sogar multigesampelt) sind ein gelungener Rundumschlag: Es gibt sowohl Basismaterial wie Sägezahn und Pulse, aber auch Perkussives, E-Pianos, Voice- und diverse Synth-Samples. Von 80er-Jahre-typischen Synth-Pads, PPG-artigem, expressiven Solo-Synths, Industrial-Noise, Sequenzer-Sounds, Bleeps und Effekten bis zu dynamischen E-Pianos und Bläsern bietet der ESQ 1 eine breite Palette von durchsetzungsfähigen, gerne auch mal rauen Elektronik-Sounds, wobei aber ultratiefe Bässe oder die Imitation von Natur-Instrumenten nicht zu seinen Stärken gehören.

Dank der gelungenen Bedienphilosophie werden auch passionierte Sound-Schrauber mit dem ESQ 1 glücklich, obwohl es nur einen Datenfader gibt. Der Synth-Klassiker mit der Kombination von digitalen Oszillatoren und analoger Nachbearbeitung kann auch heute noch eine ergiebige Quelle für charakterstarke und eigenwillige Elektronik-Sounds sein.

Beispielsounds des ESQ 1 und zusätzlich einige Loops des Gerätes sowie Sounds für NI Maschine, Akai Renaissance und Arturia Spark: Hier downloaden!

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